Into the Wild

Vor ein paar Tagen habe ich unseren ersten Langzeitbesucher aus Deutschland aus Butuan abgeholt. Sebastian hat uns in den letzten Jahren viel  beim Hausgemeindeprojekt  geholfen und hat sich seinen wohl verdienten Urlaub bei uns ausgesucht- zum Einen natürlich um Urlaub zu machen und zum Anderen wollte er uns mal wieder sehen und Zeit mit uns verbringen. 

Leider war er nur für 10 Tage aufgrund kurzer Urlaubszeit da, aber diese haben wir gut nutzen können und konnten die Dinge tun, wir wir uns vorgenommen haben.  Die gemeinsame Zeit war sehr erfrischend und Gott nutze sie auch, um jeden von uns in die aktuelle Situation und auch in zukünftige hineinzusprechen. Die Zeit verging  wie im Fluge und wir konnten, was ich schon immer mal machen wollte, Leute auf Camiguin herum führen.

Eigentlich sollte zu der Zeit Sommer sein, aber ein Taifungebiet hat sich hier eingenistet und so waren die Tage teilweise verregnet, was aber aufgrund der warmen Temperatur und der darauf folgenden Sonne keine großen Einbußen für das Urlaubsfeeling hatte. Teilweise war Sebastian auch froh, da der erste Sonnenbrand schon in den ersten Tagen aufgekommen ist.

Da Abenteuer genau das ist, was ich gerne mache, habe ich Sebastian zu einer Wanderung in den Bergen eingeladen und ihm die Wahl zwischen einer Vulkanbesteiung auf 1300 Höhenmeter oder einer Wanderung in den Bergen zu einem versteckten Wasserfall gelassen. Aufgrund des Zeitaufwandes für die erste Wanderung haben wir uns dann spontan auf die Wasserfallwanderung vorbereitet.

angekommen.

Bevor wir mit der Wanderung startet können, müssen wir erst einmal um die halbe Insel fahren, dort dann landeinwärts abbiegen und für knappe 7km auf ca 800 Höhenmeter hochfahren. Zum Teil ist die Straße so steil, dass die Maschinen nur mit Vollgas und im ersten Gang den Aufstieg schaffen. Das ausgeliehene Motorrad von Sebastian verbrannte knappe 3 Liter auf der 50 Km Tour, da der Motor ordentlich durchdrehen musste.

Hier oben ist es deutlich kühler als unten, was auch daran liegt, dass wir mittlerweile in einer Wolke sind, welche wie eine Kuppel über der Insel schwebt. Wir machen uns auf den Weg zum Startpunkt – an welchen ich mich noch grob erinnern kann. Vor 2 Jahren hatte ich versucht gehabt den Wasserfall mit Sarah zusammen zu erreichen, aber als jemand aus unserer Gruppe von einem Einheimischen erfahren hatte, dass man in 15 Minuten zu einem anderen Wasserfall wandern kann, wurde kurzfristig von dieser Person der Plan geändert – denn 30 Minuten Wandern im Vergleich zu 4 Stunden ist für manchen schon verlockend – aber auch hier muss man wieder sagen, wer den größeren Aufwand nicht ehrt, ist nur einen kleinen Wasserfall wert.

Blick auf die Straße

Damals hieß es, wir müssen nach links abbiegen, und so entscheide ich mich dieses Mal, den Weg gerade aus zu gehen, hoch in die Berge. Von Oben sehen wir noch eine kleine Gruppe, und fragen noch einmal nach, welchen Weg wir zu dem Wasserfall gehen müssen und sie rufen uns zu, wir sollen nach links gehen. Komisch, vor 2 Jahren endete der Weg an dem kleinen Wasserfall, aber möglicherweise gibt es dort irgend einen neuen Weg. Wir suchen auf dem lehmigen Boden nach Fußabdrücke und werden fündig – wir sollten also auf dem Richtigen Weg sein.

Der Weg geht steil bergab, laufen ist eigentlich nicht möglich, mehr hangeln wir uns von Wurzel zu Wurzel,bemüht nicht auszurutschen. Manche Steine, die uns Halt geben sollten, sind tückisch und rutschen aus ihrer lehmigen Befestigung und machen sich rutschend auf den selben Weg wir wir.

dichter Wald

Hier oben tauchen wir in eine neue Welt ein, in der es ruhig ist, die Luft ist kühl und feucht und auch alles um uns herum scheint nie wirklich trocken zu werden. Zum Fotografieren ohne Blitz ist es trotz Lichtstarkem Objektiv schon fast zu dunkel, so dass ich die Kamera größtenteils in ihrer Tasche lasse – auch, da ich beide Hände zum Abstieg brauche.

Wasserfall

Mein Verdacht bestätigt sich- es geht noch immer nicht weiter hier und die Umgebung macht auch keinen Eindruck, also ob Jemand ins Gestrüpp verschwunden ist, auf einem  Weg nach oben zu dem Wasserfall, welcher 2 Std. entfernt sein soll. Obwohl die GPS Karte die richtige Position anzeigt, die Karten hier oben aber recht ungenau sind, entscheiden wir uns wieder zum Start zurück zu kehren und den geraden Weg in die Berge zu folgen, wo auch immer dieser hinführen mag. Passend zum Foto beginnt es nun in Strömen zu regnen und ich packe die Kamera schnell in den Rucksack und schütze diesen mit einer Regenplane. Die dicken Tropfen trommeln auf die riesigen Blätter mancher Gewächse und und das Geräusch des Regens übertönt den Wasserfall.

nass, nasser, Regenwald

Der erste Abschnitt des Weges ist gut zu finden, wir folgen einfach dem kleinen Fluss, welcher sich bergab durch den Regen gebildet hat – Während wir aufsteigen, teilweise auf allen Vieren, denke ich darüber nach, wie wohl der Abstieg sein wird, denn bergauf ist es hier noch ganz erträglich, man kann sich die Stellen zum Auftreten recht gut aussuchen, bergab spielt man dann Gegen die schlechtere Gewichtsverteilung.

Die erste Stunde geht es fast nur bergauf. Wir erreichen schnell die nächste Vegetationsstufe, in welcher Farne das neue Landschaftsbild prägen – in verschiedenesten Formen. Von Farnen, die unseren ähneln,  Riesenfarnen mit mehreren Metern Spannweite und Palmenfarnen gibt es hier auch Farne, die mit vielen kleinen Dornen bestückt sind, an welchen man ungerne hängen bleibt.

into the Farn

Den Weg sieht man gar nicht mehr und so wird es Zeit die gute alte Machete rauszuholen. Die klinge sieht bis auf eine Scharte noch fast genau so aus, wie zu dem Zeitpunkt der Herstellung – obwohl wir mittlerweile schon einige Bäume damit gefällt haben, unter anderem einen Mangobaum mit 20 cm Durchmesser. Wird Zeit, mal ein wenig Gestrüpp kleinzuhacken. Vor allem die ganzen kleinen Schlingpflanzen, welche Fallstricke kreuz und quer durchs Gelände wachsen lassen.

Hier kommen wir langsamer voran, da jeder Schritt mit einigen Hieben der Machete gebremst wird. Es regnet noch immer in Strömen und Sebastian kann ein paar Fotos mit seinem Spritzwasserfesten Handy machen. Es ist hier deutlich heller, da der Baumbewuchs recht spärlich ist – eigentlich ungewöhnlich, da es doch sonst immer so dicht hier ist- und in der ferne auch schon wieder dichter Urwald erkennbar ist. Möglicherweise haben sie hier vorgehabt, etwas zu errichten und bereits gerodet. Auf dem Bild zu erkennen ist noch dickes Stahlseil, welches für Strommasten gezogen wurde. Warum, versteht keiner. Hier gibt es nicht einmal eine Glühbirne, aber wir orientieren uns grob an Verlaufsrichtung des Seiles – ein „Geheimtip“ von einem Freund von mir.

tolle Bäume

 

Mittlerweile tauchen die ersten alten Bäume auf, welche toll aussehen in dem Nebel. Die Geräuschkulisse ist noch immer sehr laut, so dass wir einige Male dachten, bereits einen Wasserfall zu hören- aber es war nur der Regen und es wartete ein weiterer rutschiger Hang auf uns. Oft laufen wir dicht am Hang entlang und ein Fehltritt kann hier schon reichen, um den nassen Abhang runterzurutschen. Gelegentlich verlieren wir den Halt aber schaffen es noch rechtzeitig uns an einer Liane oder einer Wurzel fest zu halten. 

Besonders herausfordernd waren die Stellen, an denen zum Teil riesige Bäume den Hang abgerutscht sind und den „Weg“ versperrten. Zuerst mussten wir prüfen, ob diese auch unser Gewicht tragen können- oder fest genug verankert sind, um unten durch zu kriechen. Diese Bäume sind zum einen sehr Hart, so dass selbst die Machete keine „Stufe“ in das Holz schlagen konnte. Zum anderen sind sie sehr rutschig und der Boden drum herum ist sehr locker, so dass er auch nicht wirklich guten Halt bietet. An den Kletterpartien hat Sebastian einen Vorteil – da er größer ist schafft er es öfters als ich, über die dicken Baumstämme zu steigen. Ich hänge da eher öfters wie ein ungeschickter westlicher Wanderer auf den Baustämmen und versuche in eine passende Stellung zu rutschen, wo meine kurzen Hobbitbeine den Boden, Wurzeln oder einen Ast berühren können. Aaron würde sicherlich über mich lachen und seinen gewohnten Pizzbauchspruch bringen. Neulich meinte er, ich habe auch einen Pizza-Popo bekommen, der immer soviel rumwackelt (was er wohl meint 😉 ). Auf jeden Fall macht die Wanderung bisher einen riesen Spaß – auch wenn wir noch keine Schlangen oder Spinnen entdecken konnten. Alles scheint heute zuhause zu bleiben, sogar die Mücken, welche uns sicher gierig beobachten, aber aufgrund des Regens keinen Absturz riskieren wollen. Mein Vorteil ist es, dass ich unter den meisten Riesenfarnen durchtauchen kann, während Sebastian die Rübe einziehen muss. So wechseln wir uns mit der Führung ab, denn der Vordermann ist mit der Machete gut gegen den Bewuchs gerüstet und so fliegt einiges an Holz und an Grünzeug durch die Gegend. Besonders spaß machen die Riesenfarne. Kappt man diese, was recht leicht geht, fallen die riesigen Schirme vom Himmel und geben auf einmal viel Platz für Licht frei. hHch, wenn es nicht soviel regnen würde – zu gerne würde ich meine Kamera auspacken, aber wir nutzen das Handy von Sebastian für ein paar Eindrücke und Videos für Freunde. Schon lange ist alles nass, aber wir frieren nicht – es ist trotzdem noch recht warm und die Muskelpumpe und die Nutzung der Machete wärmen uns gut auf. 

Das Hintergrundgeräusch ändert sich, es klingt nach etwas Großem und wir sehen tatsächlich bergab eine silberne Schnurr durch das Gehölz schimmern und bahnen uns den Weg nach unten. Noch etwas ist anders, denn zusätzlich zum Regen weht uns nun von vorne Nieselregen entgegen, durch den Druck des herunterfallenden Wassers.

Binangawan

Bevor wir einen guten Aussichtspunkt auf den Wasserfall erreichen, müssen wir einmal kurz einen Seitenast des Flusses durchqueren und kurz suchen wir nach einer Möglichkeit, trocken herüber zu kommen – aber dieses Gedankenmuster ist überflüssig, denn unsere Schuhe sind eh schon nass und so laufen wir einfach durch den Fluss. Stolpernd und rutschend.

Binangawan Falls

Ein gewaltiger Anblick, durch den Regen fließt ordentlich Wasser und es sieht aus wie ein gerissener Staudamm von unten. Je näher man dem Wasserfall kommt, desto mehr nimmt der Wind zu bis das Hemd im wind knattert. 

Hier fallen mir auch zum ersten mal die Blutegel an den Beinen auf. Nachdem ich einige entfernt habe, stelle ich nach kurzem aufs Neue fest, dass wieder Nachzügler gekommen sind. Das Problem an Blutegeln ist, das wenn man sie nicht richtig entfernt, Teile des Beißwerkzeuges in der Wunde stecken bleiben können, was hier schnell zu Infektionen führt. Am besten helfen da glühende Zigaretten, um die Blutegel abzulösen. Ein weiteres Problem ist, dass diese „Medikamente“ absondern, welche zum Einen die Blutgerinnung hemmen und zum Zweiten die Gefäße erweitern. Die Eintrittsstellen bluten auch noch Stunden später, so dass ich die Nacht über meine Knöchel in Kompressen packen muss, damit nicht die ganze Bettwäsche eingesaut wird. 

Kurz nachdem wir am Wasserfall angekommen sind hört es auf zu regnen und für einen kurzem Moment an diesem Tag kommt die Sonne raus, so dass wir eine kleine Pause vom Regen haben und diese nutzen, um ein paar süße Brötchen zu essen und um auf den Felsen zum Wasserfall zu klettern. Zum Baden ist es uns etwas frisch heute, vielleicht bei richtigem Sonnenschein, wenn auch die Felsen schön warm sind. Zudem müssen wir uns wieder auf den Rückweg machen, denn im Dunkeln wollen wir hier nicht herumrum wandern und auch noch ein wenig Zeit mit Sarah verbringen, denn morgen ist der letzte Tag für Sebastian auf Camiguin. 

Die Wanderung war super – auch wenn unsere Beine und Arme schwer sind. Den Weg nach unten haben wir gut überstanden, an einigen Stellen musste ich dann doch rückwärts auf allen Vieren den Berg runterkrabbeln, ansonsten wäre ich wohl mit hohem Tempo auf meinem Pizza-Po den Berg runtergerutscht.

Aaron hätte das gut gefallen. Ich sollte ihn mal mitnehmen.

 

Enno Goerlich

Anführer des kleinen Wolfsrudel, für jedes Abenteuer zu haben.

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