Visa im Kriegsgebiet

Vor knapp einer Woche wurde im Gebiet von Mindanao das Kriegsrecht ausgerufen. Eine Gruppe von islamistischen Terroristen hat versucht die Stadt Marawi, kaum 200km von hier,  unter Kontrolle zu bringen, bzw. dort einfach nur Chaos angerichtet. Neben angezündeten Krankenhäusern und Schulen, wurden auch etliche Menschen getötet, manche gefangen genommen und später hingerichtet – das übliche Bild von enthaupteten Christen überrascht auch keinen hier. Mittlerweile gibt es über 200.000 Flüchtlinge und die Todesopferanzahl ist bereits auf über 170 Personen gestiegen. An sich sind terroristische Aktivitäten hier auf Mindanao nichts ungewöhnliches und es wurde schon oft mit dem Gedanken gespielt, das Kriegsrecht auszurufen. Dies ist aber ein zweischneidiges Schwert, da die Armee die Kontrolle über die Funktion der Regierung übernehmen kann, und zu Gunsten der Regierenden arbeiten kann, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden. Kein Wunder, das viele hier den Ausnahmezustand als zu drastische Maßnahme ansehen, da eher gefürchtet wird, andere Gruppen dadurch zu schaden – beispielsweise der NPA (new people army), welche eine kommunistische Terrorgruppe hier ist, welche sich gerne gegen die Regierung richtet. Manche munkeln, dass der Präsident nur auf einen Vorwand gewartet hat, Martial Law auszurufen.

Normalerweise sind die Fronten der NPA, welche sich oft im Schutz der Gebirge verschanzen, und die Front der Regierungstruppen recht eingefahren und es gibt kaum Bewegungsspielraum – im Ausnahmezustand jedoch ist alles unberechenbar – wie das picken mit einem Stock in ein Nest von roten Ameisen. Genau das ist dann auch passiert – denn an vielen Orten treibt nun auch die NPA ihr Unwesen und es gibt täglich etliche Vorfälle in größeren Städten, großé Menschenmenge sollen gemieden werden, alles wie bei uns Zuhause in Deutschland also. Manch einer vermutet die CIA hinter dem Ganzen, manch anderer meint zu wissen, dass der Präsident seine Machtposition stärken möchte- was es nun genau ist, kann und ich will ich auch nicht wissen. Theorie war nie so meins – zu viel lernen und lesen macht den Kopf müde ;). Heute gab es auch eine „Kriesensitzung“ auf unserer Insel, welche die Ausländer zur erhöhten Wachsamkeit auffordert, da wohl auch hier schon einige Terroristen untergekommen sind. Die Welt verändert sich und dank der Bibel wissen wir ja auch, in welche Richtung und was uns noch so erwarten wird. 

Sonnenaufgang am Hafen

Trotz Martial law muss ich nach Butuan fahren, um unsere Visa zu verlängern. Meinen ersten Versuch habe ich bereits am Freitag unternommen, allerdings regnete es um 3:30 eimerweise vom Himmel, so dass ich die Fahrt mit dem Motorrad als lebensgefährlich einstufe und die Fahrt auf Montag verschiebe. Montag regnet es zum Glück nicht und obwohl ich schon um 5 Uhr Morgens am Hafen bin, kann ich auch an diesem Tag nicht nach Butuan fahren – denn es fallen einfach die beiden Fähren aus, welche mich pünktlich nach Butuan gebracht hätten. Der dritten Versuch mit der Fähre überzusetzten hat geklappt. Vorsichtshalber bin ich schon um 3 Uhr morgens losgefahren, um die Fähre um 4:30 zu nehmen – denn aufgrund des Kriegsrechts sind überall Militärkontrollen angesetzt und das kann den Verkehr aufhalten – und um abends wieder zurück auf Camiguin zu sein, hab ich nicht viel Spielraum – vielleicht 1-2 Stunden (welche aber eingeplant waren, um etwas im Hardware store zu kaufen, was es hier nicht gibt). Nachdem ich mir mein Ticket gekauft habe,muss ich nur noch eine Gebühr bezahlen und ab gehts auf die Fähre, mit dem Motorrad im Gepäck. Per Bus komme ich zwar auch nach Butuan, aber das dauert fast doppelt so lange – wenn ich den Bus rechtzeitig erwischen sollte – ansonsten kann es sich in die Länge ziehen…!

unterwegs

Um 6:15 Uhr legen wir an Balinguan an und das Gefühl nach Abenteuer kommt wieder auf. Die Familie hab ich zuhause gelassen, denn die Fahrt mit Familie ist nur mit Bus möglich und die Kinderchen zu der Uhrzeit aus dem Bett zu reißen, verspricht einen Tag, der einem mentalen Attentat gleicht. Ich plane mit einer Ankunftszeit von ca. 8:30 am Immigration Office – wenn unterwegs alles gut geht – und dann bleibt noch knapp eine halbe Stunde Zeit, um bei Dunkin Donut ein kleines Giftfrühstück einzuwerfen, bevor das Office um 9 Uhr öffnet. Es sind zwar nur 120km bis nach Butuan, aber die Straße ist nicht geeignet, durchgehend im Volltempo zu fahren. Die Sonne ist bereits seit einer dreiviertel Stunde am Aufgehen und so fahre ich mitten in die aufgehende Sonne nach Osten, Richtung Butuan. Rauch von den hunderten Kochstellen und brennenden Blätterhaufen fangen das goldene Licht der aufgehenden Sonne auf und schaffen tolle Licht-Schatten-Effekte und verschönern mir das blendene Licht der noch tiefstehenden Sonne. Verkehr ist noch nicht sehr viel zu sehen und so kann ich endlich mal den 5. Gang ganz ausfahren – dabei bin ich froh, dass ich mir eine Gesichtsschutzmaske geliehen habe, denn diese lässt auch die dicksten Käfer abprallen. 

Unterwegs auf der Schnellstraße

Meine Route verläuft entlang des Meeres und durch das kleine Gebirge. Am liebsten würde ich alle paar hundert Meter anhalten, um romantische Urlaubsfotos zu schießen, aber die Zeit läuft gegen mich und auf den Philippinen weiß man nie, was einen der Tag so an philippino-style bringt. Auch weiß ich, dass ein Teil der Straße sich noch im Bau befindet, oder aufgrund der zu schnellen Trocknungszeiten des Zementes bereits arg aufgerissen ist. Dank der heißen Temperaturen und lauen Vorschriften ist es möglich, mit seinen ganzen Sinnen Motorrad zu fahren. Die vielen freien Hautstellen ermöglichen das fühlen der feinsten Temperaturunterschiede und auch das beißen der Spinnen, die sich durch den Fahrtwind in Gefahr sehen und sich versuchen unter die schützende Haut zu graben. Zweimal muss ich mir die Biester aus der Ellenbeuge pulen, denn es fühlt sich wie ein Nadelstich an, der an Intensität zunimmt.

 

Unterwegs passiere ich auch schon den ersten Militärcheckpoint, aber meine weißen Schienbeine scheinen ihn zu zeigen, dass eine weitere Kontrolle unnötig ist und so winken sie mich mit ihrem Gewehr durch und ein dickes Grinsen ist auf dem Gesicht des Soldaten zu sehen – das ist ist mir schon oft aufgefallen – egal bei welcher hier erlebten Katastrophe – die Philippinos verlieren nicht ihr Lächeln. Der Rest des Trupps steht hinter einer provisorischen Mauer aus Autoreifen und halten sich bereit, genauere Untersuchungen durchzuführen. Das war ein weiterer Grund für mich, nicht mit dem Bus zu fahren, denn wenn dieser auseinander genommen wird, dauert die Fahrt bis übermorgen. 

Gebirgszug

Auf den Straßen Mindanaos gibt es nur zwei Arten von Verkehrsteilnehmern. Uns und die Reisebusse. Mir wurde schon vorher gesagt, dass ich hier auf der Straße nur als Fliege gelte, aber das es dann tatsächlich so ist, hab ich nicht gedacht. Der Bus ist hier quasi der Endgegner – diese brettern mit 80-100 kmH durch Mindanao, tauchen oft unvorhersehbar aus der Kurve auf (natürlich halb auf deiner Fahrbahn) und sind auch ein Grund, warum die Straßen erneuert werden. Erneuert werden die Straßen übrigens nicht wirklich – im Grunde wird nur eine dritte Spur an den Kurven angebaut,so dass die Trägheit die Busse nicht aus der Bahn werfen kann. Der kaputte Bereich bleibt dabei jedoch erhalten, aber das stört meine XR nicht, denn glücklicherweise ist sie für das Gelände geschaffen und oft überraschten mich bei voller Fahrt tiefe Schlaglöcher, aber auch da fährt sie äußerst stabil – solange man den Lenker fest genug halten kann.

Butuan

Tatsächlich erreiche ich das eingegebene Ziel um 8:28! Jedoch fehlen nur zwei Dinge – das Immigration Office und der Dunkin Donut, denn das Office ist umgezogen, aber die neue Adresse ist im Internet nicht zu finden. In Butuan ist hohe Militärpräsenz und so frage ich eine Gruppe Soldaten, wo denn nun das Office ist. Am Ende frage ich mehr als eine handvoll Menschen und sie schicken mich von A nach B. Keiner weiß genau wohin eigentlich, aber den Philippinos ist das auch egal – denn wenn sie etwas nicht wissen, geben sie es nicht zu, sondern schicken einen lieber irgendwo hin. Am Ende rufe ich meinen Vater an und finde dann noch rechtzeitig das Office, bin der erste „Kunde“ und hab nach einer dreiviertel Stunde 4 Visa, welche für ein halbes Jahr gültig sind – juhu!

Noch ein halbes Jahr mindestens auf den Fee-lippinen. Denn gerade habe ich bereits wieder etliche „Fees (Gebühren) bezahlt. Aber dafür muss ich nun nicht mehr alle zwei Monate nach einem neuen Stempel im Reisepass suchen.

Staub/Insektenfänger

Nun fahre ich noch etliche Male in der Stadt hin und her, suche nach einem passenden Vorderreifen (19″ Reifen sind hier nicht so gängig) und auch suche ich nach Spielsachen für Aaron und Samuel, sowie ein paar Dinge für den Bau – und Kaffee. Auch einen neuen Helm brauche ich, denn mein Helm ist zu groß, das Visier kaputt und bei schnellem Tempo fliegt er mir fast vom Kopf. Sobald ich einen neuen Helm habe, brauche ich auch nicht mehr die Schutzmaske – welche aber aufgrund der dunklen Tönung praktisch bei dem grellen Licht ist (eine Sonnenbrille hab ich nicht). Da es fast Mittag ist, möchte ich mich wieder auf den Heimweg machen, der Verkehr dürfte nun dichter sein, es sind mittlerweile 37 Grad.

wunderschöne Strecke

Der Heimweg ist genau so wunderschön und ich sehe am Himmel schon etwas wie Regenwolken aufziehen – ich sollte mich beeilen, denn es wurde für heute ein oder zwei Gewitter vorhergesagt. Da ich noch etwas Platz im Rucksack habe, halte ich bei meinem Anananasstand – welcher mich bei fast jeder Fahrt hier als Gast hat.

mhhhh

Neben den vier Früchten habe ich dann auch gleich vier Ableger, die ich in den Garten pflanzen möchte – doch leider wird unser Nachfolger sie ernten, da es 1-1,5 Jahre dauert, bis diese Früchte tragen. Die Familie hat schon über viele Jahre hinweg eine kleine Ananansfarm hinter ihrem Haus und dort wachsen sie ohne künstliche Behandlung in der Sonne. Eine Ananas lasse ich mir gleich zubereiten und erfahre so auch, wie die Familie ihren Ananasessig herstellt. Essig wird hier aus fast allem gewonnen – aus vielen Arten von Früchten. Auch auch Kokosnusswasser beispielsweise – und ermöglicht so den kochfreudigen Menschen einiges an Kombinationsmöglichkeiten. Neben ein wenig Plauderei, die auf halb englisch halb cebuano verläuft (wobei ich nicht genug cebuano verstehe und die Familie kaum englisch spricht) kommen wir nicht ganz in die Tiefe und ich muss schnell weiter, denn das letzte Boot will ich nicht verpassen.

An einer Stelle staut sich der Vekehr, denn ein Kran versucht ein riesigen Stahlträger von der einen Seite der Straße zur nächsten zu bewegen, aber irgend etwas klappt nicht so richtig. Damit der Verkehr nicht länger aufgehalten wird, fahren wir einfach unter dem Stahlträger durch, welcher ordentlich am Schwimgen ist – in der Hoffnung, das dieser nicht wieder kippt und auf die Straße plumpst und ein weiteres Schlagloch verursacht – oder mich zu Gemüse verarbeitet. Diese Aktion bekommt von mir heute die Auszeichnung „Philippino-Style“ und zum Glück kann ein Foto keine Geräuschkulisse einfangen.

Donnerschläge kündigen den Regen an

Kaum stehe ich in der Reihe der Fahrzeuge, welche in den Bauch der fähre fahren wollen, gibts einen gewaltigen Donnerschlag und obwohl die Wolkendecke noch recht großen Anteil an blauem Himmel haben, beeilen sich nun alle aufs Boot zu kommen – denn hier schlägt das Wetter innerhalb von Minuten um. Gott hat es mal wieder wunderbar geplant, denn kaum hab ich das Motorrad auf der Fähre geparkt, ging es auch schon los.

Regenfront

Die Farben der Natur verblassen und es legt sich ein Grauschleier über über den Horizont. Obwohl wir die Regenschutzplanen der einen Seite runtergelassen haben, weht der kräftige Wind viel Regen in das Boot und das Deck beginnt sich so langsam in eine riesige Pfütze zu verwandeln.

Mit jeder Schaukelbewegung des Bootes bewegt sich auch der Teich auf dem Deck hin und her, zum Teil schon mehrere Zentimeter tief, so dass kaum noch einer seine Füße am Boden hat. 

Die Stimmung scheint aber zu steigen, denn aus jeder Situation wird das Beste rausgeholt. Ein paar Jungs klettertn auf das Dach und springen in das Meer – denn ob vom Regen nass zu sein, oder vom Meer, macht kaum einen Unterschied.

juhuu

Das Wetter verzögert die Abfahrt ein wenig, aber der Spaßpegel fällt nicht, denn unter der Zurufe der Zuschauer gibts immer ein paar verrückte Springer. Sieht nach jeder Menge Spaß aus! Sollte ich eigentlich auch mal Versuchen – noch bin ich nicht 80 Jahre alt. 

Kurze Zeit später vibriert die Fähre und die Fahrt geht los. Langsam aber sicher bewegen wir uns auf Camiguin zu, wo es übrigens nicht regnet. Inseln haben hier oft ihr eigenes Klima. Während ich diese Zeilen schreibe, sehe ich das Gewitter auf der Nachbarinsel – und hier ist sternklarer Himmel. 

Sonnenuntergang

Wie nach jedem Regen scheint wieder die Sonne. Nach jeder Woche mit schlechten Schlagzeilen, folgt eine Woche mit anderen schlechten Schlagzeilen. So war es schon immer, und so wird es auch immer bleiben. Bis auf erhöhte Militärpräsenz war heute nicht viel zu beobachten, denn vieles verbirgt sich vor der Öffentlichkeit. Viele Gerüchte gehen um und auch viele Aufeinandertreffen befeindeter Truppen passieren täglich. Heute gab es einen erneuten Anschlag in Manila. Der Gürtel der konfliktfreien Zonen wird immer enger – was auch bei uns zuhause in Europa zu beobachten ist, ist auch hier zu beobachten. Manila liegt nördlich von Mindanao und die Menschen dort kommen auch nicht unbedingt hier her, da auch für sie Mindanao eben Mindanao ist – das Land der Verrückten und Terroristen (was aber nicht stimmt – nun gut, teilweise schon). Von daher haben sie eher Richtung Mindanao geschaut, aber nun hat es auch sie erreicht und das ist ja auch das Ziel des internationalen Terrors. Überall aktiv zu sein. Mal sehen, wie lange es hier auf der kleinen Paradisinsel noch ruhig bleibt. Einige Hotels haben schon absagen von 90% der Gäste – denn viele lassen sich von den Medien abschrecken. Auf jeden Fall haben wir jetzt ein halbes Jahr Ruhe von der ganzen Bürokratie und können uns wieder dem alltäglichen Dingen witmen, wie beispielsweise die Frage zu beantworten, wie wir nun das Holz auf die Baustelle bekommen. Denn der Antrag fürs Bäumefällen ist durch, die Bäume wurden gefällt und das Holz darf nur nicht bewegt werden – denn dafür ist ein anderer Antrag nötig. Holz darf nicht transportiert werden, mimt Ausnahme einer Genehmigung. Manch einer hat uns schon eine „Nachtfahrt“ angeboten, aber wir wollen im Rahmen des Gesetzes bleiben und das ist ein Teil des Wahnsinns hier – man wird „bestraft“, legal zu handeln – und zwar mit warten ;)! Aber nun haben wir ja auch noch mehr als ein halbes Jahr Zeit.

 

 

One Comment on “Visa im Kriegsgebiet

  1. Sehr schöner und spannender Bericht!
    Weiterhin noch viel Spaß auf Camiguin & Umgebung 🙂
    VG,
    Frank

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.