Vulcanizing in Davao

Es ist viel passiert in den letzten Tagen, vieles davon fand im verborgenen statt, so dass es für mich den Anschein erweckt, als ob wir uns nicht genug bewegen. Neben bürokratischen „Erlebnissen“, den Besuch von Kopfläusen und jeder Menge Regen, der angenehme Kühle mit sich bringt,  ist nicht wirklich viel passiert. Die Schulen hier haben keine Läusepolizei, so dass bei Befall von Läusen eigentlich nicht viel passiert – im Grunde gar nichts. Nur dass die Schulkinder die Läuschen dann mit nach Hause, zu ihren Freunden oder in unser Schlafzimmer tragen. Läuse sind hier relativ normal, da bis auf makroskopisches kopfkraulen nicht viel dagegen unternommen wird, da die chemische Keule Permethrin, ein Insektizid und Nervengift, für die meisten Menschen zu teuer ist. Für eine Packung, die in etwa so groß ist wie ein eingepacktes Kondom, gibt es immerhin ein Kilogramm Reis.  Es gibt auch die Möglichkeit mit Kokosnussöl die Haare einzuschmieren, so dass die lebenden Viecher ersticken und mittels beigemischtem Essig die Nissen leichter zu entfernen sind, aber wir wollen keine Experimente mit dem kleinen machen und meine Frau entscheidet sich kurzerhand den kleinen Aaron in ein glatzköpfiges Etwas zu verwandeln. Der kleine Samuel ist bisher immun gegen Mückenstiche und wohl auch gegen Läuse, da seine leicht fettige Erscheinung und die glitschige Schwitzeschicht ihn wohl nicht attraktiv genug für Schädlinge erscheinen lässt, jedoch ausreicht, um die Schulklassen, die ihn unterwegs sehen, zum Kreischen zu bewegen. Süß der Kleine!

Eigentlich stand für gestern auf dem Plan, einen kleinen Geländewagen Probe zu fahren,  so dass wir uns neben dem Motorrad sicherer in dem Stadtdschungel bewegen könnten und darüber hinaus noch so ziemlich jedes Gelände auf den Philippinen bedenkenlos überqueren könnten. Aber es gibt noch einige Hindernisse, die wir auch mit Jeep nicht überwinden können, mehr dazu ein anderes Mal. 

Für den morgigen Tag ist ein Ausflug auf die Insel Samal geplant. Neben bereits persönlichen Kontakten, die wir dort haben, gibt es noch ein paar weitere Stationen auf der Insel, die wir gerne besuchen möchten – unter anderem hat uns eine fremde Frau angerufen, die gerne mehr wissen möchte von dem, was wir hier machen und hat uns dazu in ihr Resort eingeladen.

Bremstrommel mit Abstandshalter

Bevor wir die Fahrt starten, müssen wir die runter gefahrenen Reifen von Christians Pickup wechseln. Das 1,5cm tiefe Profil ist bereits komplett abgeschliffen und  an einigen Stellen schimmert Stahldraht durch. Der Gummi des Reifens ist zu weich gewesen, so dass nun kompletter Ersatz nötig ist. Dafür fahren wir in die Nähe von „Chinatown“, einer Gegend, in der es ganze Straßenzüge voller billigem Zeugs in schlechter bis mittlerer Qualität gibt, welche unter anderem für den Großhandel bestimmt sind. Nicht weit entfernt befinden sich auch diverse Läden für Ersatzteile und diverse Reparaturangebote.

In einem Laden kaufen wir die 35 Zoll großen Reifen, jedoch verfügt der Laden nicht über eine Maschine, die diese auf die Felgen ziehen kann. Auch können wir hier nicht unsere LKW Batterie Laden lassen, dafür gibt es andere Anlaufstellen, die wir heute jedoch nicht mehr erreichen können. Manchmal muss man für einen Auftrag mehrere Stellen abklappern. 

So fahren wir zu einem „Vulcanizing“, einer Werkstatt die sich auf kleine Reparaturen und Wechsel von Reifen aller Art spezialisiert hat. Bei dem Prozess der Vulkanisation wird aus einem Rohkautschuk, der in einer festen, plastischen Form vorliegt mittels einer thermischen Reaktion unter Zugabe von Schwefel oder anderen Verbindern eine elastische Form erreicht. Praktisch ist dies für die in Form eines Reifens, welche sich bei Ausübung von Druck zwar verformen kann, aber immer wieder in die erzeugte Form „zurückspringt“. Hier werden zwar keine Reifen aus Kautschuk mittels übergroßen „Kuchenformen“ hergestellt, jedoch wird die Technik der Vulkanisation zur Reparatur genutzt. 

Auf dem Plan steht heute alle vier Räder zu ersetzen. Die Vorderräder haben noch ausreichendes Profil, so dass wir uns entscheiden die Räder auf die Hinterradaufhängung zu setzten, damit die Abnutzung des Reifens nicht nur einseitig statt findet. Die Reifen verfügen über ein Profil, welches der Laufrichtung entsprechend ausgerichtet werden muss, sodass Wasser und Schlamm beim Fahren aus dem Profil gedrückt werden kann. Deshalb müssen die Vorderräder ebenfalls unters Messer – die Reifen müssen abgezogen werden, und um 180° gedreht wieder aufgezogen werden, so dass dann das rechte Vorderrad das neue linke Hinterrad wird. Dazu die zwei neuen Reifen auf die vorderen Aufhängung zu setzen und der Ersatzreifen wird auch noch umgebaut – kein Wunder, dass die Mechaniker dabei durch einander kommen, und so das eine oder andere Rad vom Profil her falsch herum aufgezogen ist.

Um den Gummi von den Felgen zu ziehen, bedarf es schon bei Motorrädern viel Kraft und Stemmeisen, bei den 35 Zoll Reifen ist eine hydraulische Hilfe notwendig. Da die Reifen ohne einen Schlauch arbeiten,sitzen sie sehr fest auf der Felge auf.

Raushebeln des Reifens aus von der Felge

Ich leihe mir Christians Handy zum Fotografieren, da meine Kamera zuhause geblieben ist – die Badehose hat keinen Gürtel! Bei der Montage des Reifens auf die Felge hängen sich zwei Mitarbeiter an den von der hydraulischen Maschine gehaltenen Reifen, um genug Gewicht zu erzeugen, damit der vorher eingeölte Gummireifen auf die Felge flutscht.

Die Jungs erledigen die Arbeit im flotten Tempo, immerhin ist diese Werkstatt die meist besuchte in Davao, wenn es ums Thema Reifenmontage geht. Er verfügt über einen Kompressor, der stark genug ist auch LKW Reifen, die hohen Druck benötigen, aufzufüllen. Interessant ist auch die alte Druckluftbohrmaschine, die mich an den alten OP der Charité erinnert, welche ohne erkennbaren Drehmoment die Verschraubung der Felgen löst und und wieder befestigt.

In der Zwischenzeit schauen Aaron und ich uns um um, denn es gibt für den kleinen Mann hier viel zu entdecken.

Neben Zischgeräuschen, Hammerschlägen und Knalle gibt es auch viel Philippino-Style zu entdecken. Zuerst betrachten wir Radaufhängungen des Wagens, an der es ein paar Besonderheiten gibt. Wenn der Pickup im groben Gelände fahren will, müssen ein paar Veränderungen neben des Höherlegens vorgenommen werden. Der Wagen ist nicht für breite 35 Zoll Reifen ausgelegt. Damit der große und breite Reifen nun beim Lenken nicht  an der Innenseite der Karosserie anstößt, wurde zum Einen an der Bremstrommel der Vorderräder ein Abstandhalter angebracht, der die Reifenstellung ca 1,5 cm von der Automitte nach außen bewegt und zum Anderen wurde die Innenseite der Karosserie, wo die Vorderräder ihren Platz haben, umgeschweißt, damit der volle Lenkradeinschlag erreicht werden kann. Der Abstandhalter kann sich wie eine Unterlegscheibe vorgestellt werden, welcher über die 5 Bolzen geschoben wird, an denen die Felge angeschraubt wird. Damit die Felge trotz Abstandhalter dann noch sicher angeschraubt werden konnten, mussten die alten Bolzen durch längere ersetzt werden.

Dank fehlender Sicherheitsvorkehrungen können wir ungehindert überall hin und rein theoretisch auch überall mitarbeiten, da freuen sie sich sogar mal, . Wir schauen uns die Vulkanisierungsmaschinen etwas näher an. 

Arbeitsstelle

Reifen, die ohne inneren Schlauch arbeiten, müssen dicht gehalten werden, im Falle eines Risses oder einer anderen Beschädigung muss ein Patch eingearbeitet werden. Dieser wird dann mit thermischer Vulkanisation in den Gummi eingearbeitet, so dass am Ende eine komplett verbundene Oberfläche entsteht. Die Struktur des Gummis wird dabei aufgelöst, so dass der Flicken sich in die Struktur des Gummis „einwebt“ und nach Fertigstellung dann nicht mehr vom ursprünglichen Reifen abzulösen ist. 

ein Patch wird thermisch in den Schlauch eingearbeitet

Diese Maschine verfügt über einen elektrischen Heizer, wie bei einem Bügeleisen, nur dass die heiße Fläche nach oben zeigt, so dass man den Schlauch dazwischen erhitzen kann. Auf dem Land, wo es kein Strom gibt, wird mittels eines Feuers das Gegenstück erhitzt.  Die Hitze löst die Stoffe, welche bereits im Gummi vorhanden sind und nutzt diese Schwefelverbindungen zur erneuten Vulkanisierung. 

Nach knapp einer halben Stunde sind die Reifen alle gewechselt, an der richtigen Stelle montiert und bereit, demnächst nach Samal aufzubrechen, auch wenn das Wetter noch recht wechselhaft ist. Der Besuch dient auch erst Einmal zum Kontakte knüpfen, vielleicht ergibt sich dort einmal eine Arbeit für einen längeren Zeitraum.

Ich freue mich immer wieder über die philippinische Freundlichkeit und Offenheit, auch besonders Kindern gegenüber. Sie freuen sich sogar, dass man sie bei der Arbeit beobachtet, fotografiert und um Erklärungen bittet.

 

Aaron mit Ersatzopa Christian

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