Drei Erdbeben und eine kleine Gasse

Heute beginnt der Tag ein wenig hektischer als sonst. Das Wasser soll für zwei Tage in der Gegend abgestellt werden; daher gehen alle noch einmal gründlich duschen und Wasser für die Toilettenspülung, zum Kochen und Geschirr- und Händewaschen wird in Behälter gefüllt. Auch der kleine Samuel kommt nicht um die kalte Dusche herum. Er weiß schon genau, was ihn erwartet, lacht und windet sich wie ein kleiner Fisch, noch bevor ich das Wasser an mache.

Nachdem alle Vorbereitungen getroffen sind, verläuft der Tag wieder ruhiger. Die Kinder haben sich zum Mittagsschlaf hingelegt, als plötzlich der Boden anfängt zu ruckeln und die Wände und Möbel wackeln, ein Erdbeben Stärke 4,6. Für uns deutlich spürbar und wir springen schnell aus dem Haus, so wie wir es gelernt haben, für den Fall, dass die Decke einstürzt. Nach einigen Sekunden ist alles vorbei und wir gehen wieder rein. Später erfahren wir, dass es tatsächlich Verletzte in Davao gab. Vor einer Schule ist eine Bushaltestelle mit Betondecke umgefallen und hat wohl zwei Schüler verletzt. In unserem Haus ist nicht einmal etwas runter gefallen. Ich fühle mich nur noch einige Stunden seekrank. An diesem Tag gibt es noch zwei weitere Erdbeben in Davao, nur wenige Km von unserem Wohnort entfernt – ohne weitere Probleme.

Es ist relativ neu, dass es hier in Davao Epizentren gibt, da behauptet wird, dass es keine tektonische Spalte gibt. Neue Aufzeichnung zeigen aber deutlich, dass es vertikale Spalte gibt, die vom norden Mindanaos über Davao verläuft.

Nachmittags sind wir im Einkaufszentrum mit einigen Freunden verabredet. Es gibt hier eine sogenannte „blind massage“ – Blinde, von denen man sich massieren lassen kann. Wir wollen uns allerdings nicht massieren lassen, sondern für die Blinden beten, in der Erwartung, dass Gott sie heilt. Als wir dort nachfragen, ist die Leiterin tatsächlich erfreut darüber, allerdings gibt es überall Kameras und das Einkaufszentrum erlaubt während der Arbeitszeit so etwas nicht. Nach einigen Minuten kommt die Leiterin raus und bringt uns einen Zettel mit Namen der Mitarbeiter, die gerne Gebet haben möchten, und einigen Telefonnummern. Bald können wir vielleicht einige in ihrem Viertel besuchen und dort beten, wo viele Blinde wohnen.

 

Da wir jetzt viel der geplanten Zeit übrig haben, schlägt unser Freund Allan vor, in ein Wohngebiet zu fahren, in welchem eine Familie wohnt, die um Gebet gebeten hat. Der Ehemann hatte vor 5 Jahren einen Schlaganfall und kann seither nicht mehr sprechen und sich kaum bewegen. Als wir am Eingang des Wohnviertels ankommen, erfahren wir, dass dies eine sogenannte „squatter area“ ist – eine Gegend, in welcher viele arme Menschen illegal, aber von der Stadt toleriert, auf engstem Raum in zusammengebastelten Häuschen und Wohnungen wohnen. Durch einen Seiteneingang kommen wir in eine unglaublich enge Gasse und können rechts und links direkt in die Wohnungen gucken, die in der Regel nur aus einem Zimmer bestehen und eine ganze Familie beherbergen.

Straßengasse des squatter Wohnviertels

Während unser Fahrt hierher hat es begonnen in Strömen zu regnen, sodass die Gasse, die nur einen Schritt breit ist, bereits anfängt zu überfluten. Von selbstgebauten Marquisen läuft das Regenwasser an einigen Stellen wie aus dem Wasserhahn auf den Zementboden. Zweifinger dicke Stromkabel verlaufen von der Straße aus entlang der Gasse, zum Teil auch schon unter Wasser. An Türen kann ich mich nicht erinnern. Einige haben Vorhänge gebastelt, die weniger Platz wegnehmen als eine Tür. Als wir ankommen, muss eins der Kinder auch gleich aufs Klo und ich bin unschlüssig, wo ich mit ihm hingehen soll. Wir werden einen Eingang weiter in einen kleinen Laden geführt, in dem es eine Toilette gibt. Gespült wird, wie hier auf den Philippinen üblich, mit einem kleinen Schöpfeimer. Es gibt nur vereinzelt Toiletten. Ich frage mich, wie es wäre, hier zu wohnen, vielleicht noch schwanger, und mit Kindern.

Schnell gehen wir zurück zur Familie und reden mit der Ehefrau und ihrem Mann. Der Raum wird beleuchtet von einer kleinen Energiesparlampe, unter der ein kleiner Deckenventilator angebracht ist. Durch die Drehungen der Blätter flackert das Licht in dem Raum. Die Frau hat schon längere Zeit ein Magengeschwür und Bauchschmerzen. Als unser Freund für sie betet, sind die Schmerzen innerhalb von Sekunden weg. Obwohl ich jetzt schon öfter so etwas erlebt habe, macht mein Herz auch diesmal einen Sprung, und ich freue mich, dass Jesus sich dieser Frau persönlich gezeigt hat. Als wir ihrem Mann begegnen und für ihn beten, lächelt er die ganze Zeit. Die Frau sagt, sie sehe ihn zum ersten Mal lächeln. Nach dem Gebet fängt er an sich zu bewegen, Schultern und Oberkörper hin und her, was wohl vorher nicht ging. Juhu, wir freuen uns und danken Gott! Ich bin sicher, Gott wird weiter an ihm arbeiten, jetzt, wo er schon angefangen hat. Wir reden noch weiter über das, was Jesus für uns getan hat und wozu wir eigentlich auf der Welt sind. Es hat sich inzwischen eine Menschentraube gebildet, von denen die meisten auf der engen Gasse stehen, weil in dem kleinen Haus kaum Platz für uns ist. Es sind vielleicht 9 Quadratmeter.

Volle Bude

Eine gebastelte Wand trennt eine winzige Küche vom Wohnbereich. In zwei Regalen befinden sich einige Habseligkeiten. Zu Aarons Freude sind darunter ein Spielzeugbagger und ein Kipplaster. Auf dem Boden befindet sich eine schmale Matte, die als Bett dient. Sicherlich werden nach unserem Besuch noch weitere Matten ausgebreitet und dann ist es nicht mehr möglich, umher zu gehen. Eine unserer Freunde wohnt hier in der Gasse. Sie zahlt 500 Peso Miete im Monat, ca. 10 Euro. Wir einigen uns, dass wir uns mit der Familie wiedersehen wollen zum Bibellesen.

Als wir bereit zum Aufbruch sind, bin ich bereits völlig verschwitzt. Der kleine Plastikventilator an der Decke reicht einfach nicht aus. Aaron und Samuel sind auch müde und wir machen uns auf den Weg durch die enge Gasse. Allerdings geht es nochmal in einen anderen Eingang, denn eine weitere Frau bittet um Gebet. Sie hat seit der Geburt ihres zweiten Kindes psychische Probleme und war bereits in der Psychiatrie. Enno und ich verstehen nicht ganz, wie es dazu kam und was genau die Probleme sind; die Übersetzung macht es schwer. Ich denke, wie praktisch es wäre, jetzt bereits besser Visaya zu sprechen und nehme mir vor, mehr zu üben. Wir beten für die Frau, das heisst, ich bin die meiste Zeit damit beschäftigt, Aaron davon abzuhalten, mit den anderen Kindern einen Erwachsenenfilm auf einem Handy zu gucken und mir Samuel zu schnappen, der auf dem Arm einer Freundin weint, weil ihm alles zu viel wird. Auch hier sind wieder mehr Menschen anwesend als nach deutschem Dafürhalten Platz hätten 🙂

Die Frau fängt an zu weinen vor Erleichterung. So wie ich es verstehe, hat sie Etwas beim Gebet verlassen und sie fühlt sich besser. Auch sie will zum gemeinsamen Bibellesen kommen. Ich sehe mich um und stelle fest, dass sie wohl nicht einmal eine Matte hat, sondern sich Karton auf den Boden gelegt hat. Daher sollten wir auch alle die Schuhe ausziehen, als wir das Zimmer betretet haben. Ich merke, dass es für die Kinder zu anstrengend wird und sage Enno Bescheid. Wir machen uns jetzt auf den Heimweg, obwohl es noch mehr Gebetsanfragen gibt.

Ich stelle wieder einmal fest, dass ich noch lernen muss, die Kinder nicht zu überfordern, aber ich möchte auch, dass sie nicht ganz aussen vor sind und solche Gegenden und Menschen kennenlernen. Für alle Beter unter euch ist das auch ein Gebetsanliegen, dass Gott uns da Weisheit gibt, wie wir die Kinder gut versorgen können, dass sie unsere erste Priorität bleiben. Immer öfter komme ich daher zu Gebetstreffen im Park oder Evangelisationseinsätzen nicht mit und bleibe mit den Kindern zuhause. Als wir uns durch die Gasse geschlängelt haben und wieder im Jeepney sitzen, bin ich glücklich, aber müde. Ich schaue mir unseren Freund Allan an und bin beeindruckt. Er ist noch sehr jung, Anfang 20, aber ihm ist völlig klar, wie kostbar das ist, was Jesus für ihn getan hat. Daher geht er jeden Tag nach oder vor der Uni raus und betet für Leute. Und ich denke daran, wie gerne ich jetzt zuhause mich und die Kinder abduschen würde, nachdem wir völlig verschwitzt und dreckig sind. Als wir zuhause ankommen, erwartet uns eine freudige Überraschung. Das Wasser funktioniert schon wieder, juhu!

Ich bin die Mama des bloggenden Babys und befinde mich rund um die Uhr unter seiner Beobachtung.

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