Ma-a Schmiede

Kokosnüsse gehören mit zu meinen Hauptnahrungsquellen hier, man kann sie fast überall kaufen. Gerade abseits der Hauptstraßen besitzt jede Familie mit einem größeren Grundstück ein paar der Kokospalmen und verkaufen die Früchte für einen Durchschnittspreis von 20 Peso. Jedoch muss man sich erst durch eine mehrere Zentimeter dicke faserige Schicht und einer sehr festen Schale arbeiten, um an das leckere Wasser und das Fruchtfleisch zu kommen. Dafür ist ein bestimmte Art von Machete sehr nützlich, das Bolo. Bolos werden hier viel hergestellt, aber ich war bisher nicht sehr zufrieden mit diesen, da diese aus schlichtem chinesischen Stahl bestehen, sehr schnell oxidieren und die Schärfe nicht lange halten. Zudem färbt die Oxidschicht die Schnittflächen der Kokosnuss schwarz an, so dass man beim Trinken ohne Stohhalm einen schwarzen Oxidlippenstift erhält. Man kann dem entgegen wirken, in dem der Stahl geölt wird, so dass der Stahl eine kleine Schutzschicht vor der Luft hat. Aber es ist mir zu aufwendig und zu dem schmiert das Öl dann alles voll. Der Garten ist voller Kokosnüsse und mein Hackebeil ist bereits schartig von den ersten paar Kokosnüssen, so dass ich den Schleifstein schon einige Male in gebrauch nehmen musste. Zur Verfügung steht noch ein altes Bolo aus chinesischem Stahl, welches zwar mit genannten Macken funktioniert, aber da es nicht mir gehört, lässt es sich auch nirgendwo mit hinnehmen. 

kurz bevor wir den Stand von allen großen jungen Kokosnüssen freigekauft haben

Aus dem Grund habe ich mich entschieden, nach Ma-a zu fahren, eine teilweise  industrielle genutzte Gegend, die nicht sehr weit weg ist von uns. Trotz der wenigen Kilometer Luftlinie dauert die Ankunftszeit doch relativ lange. Viel Verkehr, falsches Umsteigen und laufen kostete doch einiges an Zeit. Meine Familie setzte ich an einer Mall ab, da sie ein paar Sachen kaufen wollten und die Mittagssonne schon langsam zu brennen anfing. Von dort lief ich den Rest der Straße nach Ma-a und kam an einigen Lagerhallen und Industriegebäuden vorbei, bis ich zu dem Ort gekommen bin, den mir eine Bekannte am Tag vorher beschrieben hatte. Eine Fabrik für diverse Werkzeuge aus Stahl, in welcher verschiedene Arten von Messer, Äxten und Macheten bis hin zu Stemmeisen für Beton, Sicheln für die Feldarbeit und vieles mehr hergestellt wird. Dort komme ich ins Gespräch mit einem der Mitarbeiter und lasse mich ein wenig über die verschiedenen Arten der Bolos informieren. Messer zum Zerhacken von Tieren gibt es natürlich auch. Kocht man hier ein Huhn, wird das Fleisch nicht sauber abgetrennt, sondern mit einem Beil wird das ganze Huhn zerhackt und gekocht und die Zunge sortiert dann die Knochen vom Fleisch aus. Ich finde nicht die entsprechende Form, nach der ich gesucht hatte. Entweder war die Klinge zu lang, oder zu dünn. 

Fabrikhalle der Schmiede

Der Mann war sehr freundlich und lud mich ein, die Werkstatt von innen zu sehen. Es ist eine große Halle, welche unaufgeräumt wirkt. Überall liegen Holzstapel, Kohlesäcke und jede Menge Metall herum. An verschiedenen Stellen werden gerade Klingen bearbeitet, dabei hauen zwei Zuschläger abwechselnd auf die glühenden Klingen, um die Schneide zu formen. Der Rhytmus klingt beruhigend und ich bekomme Lust auch mal den Hammer in die Hand zu nehmen und auf so ein Teil einzuprügeln. Die Klingen werden hier in einem Schmiedefeuer erhitzt. Als Brennmaterial wird neben Holz Copra benutzt, das ist Kohle, die aus Kokosnussschale hergestellt wird. Copra liegt auch überall herum, in offenen Säcken oder kleinen Haufen. Ich frage nach, welcher Stahl hier verwendet wird und er führt mich in eine kleine Nebenkammer,die sich hinter einer Wand aus Bambus befindet. 

Blattfedern

Der Stahl kommt überwiegend aus alten Blattfedern, die aus alten LKWs stammen, oder welche neu bestellt werden. Dieser Stahl hat eine gute Festigkeit und eignet sich aufgrund seiner Verarbeitung bestens für die meisten Werkzeuge, die diese Fabrik herstellt. Am liebste, so erzählt mir der Inhaber der Schmiede, verwendet er den Stahl aus deutschen oder japanischen LKWs, da der Stahl dort hochwertiger ist, als von woanders her. Überwiegend wird dieser als mittlerer Kohlenstoffstahl beschrieben, der also etwas mehr Carbon beinhaltet, als einfacherer Stahl und über eine gute Stärke und Fähigkeit zur Verformung unter Belastung verfügt, so dass die Klinge nicht so leicht bricht und sich noch einfach schleifen lässt. Zuerst müssen die Federn allerdings begradigt werden, bevor diese in die entsprechenden Formen geschnitten werden können.

Grobe Form

Nachdem ich mir den Stahl und die ersten gepressten Formen einer Machete für Gartenarbeit angeschaut habe, führt mich der Mitarbeiter zu dem Chef der Fabrik, einem älteren Mann mit Namen Dimitrios. Dimitrios ist ein sehr freundlicher und gesprächiger Mann und er erzählt mir viel über seine Geschichte, wie er das Schmieden von seinem Vater gelernt hatte, der wiederum von seinem Vater gelehrt wurde…und so weiter. Viele seiner Verwandet hatten damals eine andere Arbeit, die aber aufgrund von Preiseinstürzen nicht mehr rentabel war. Darauf hin bot Dimitrios ihnen an, nach Ma-a zu kommen, um das Schmieden zu erlernen. Seit dem ist ein kleiner Familienbetrieb entstanden. Über die Jahre hat er einige Techniken weiter entwickelt und auch in Zusammenarbeit mit einem Schmied aus Japan ein paar Veränderung an der Tradition vorgenommen, nach der seine Familie lange gearbeitet hatte. Auch lernte er einiges neues durch Versuche über die die verschiedenen Arten von Stahl und passte das Wissen an seine Projekte an, so dass diese im Laufe der Zeit noch besser und schneller zu verarbeiteten waren. 

In seiner Privatwerkstatt zeigt er mir ein paar seiner Spielerein. Zum Beispiel dieses massive Beil. Ich kann mir gut vorstellen, dass ein Hieb davon ausreicht, um einen Wasserbüffel zu töten. Sicherlich lassen sich damit auch Walknochen knacken – und wahrscheinlich jede noch so feste Kokosnuss. Ein Hühnchen mit diesem Teil zu bearbeiten wäre sicherlich ein witziges Erlebnis. Allerdings ist mir die Klinge für den alltäglichen Gebrauch zu schwer und zu groß, aber die Stärke des Stahls gefällt mir gut, damit lassen sich auch kleinere Bäume fällen. Zudem verfügt Dimitrios über viel Wissen der philippinischen Geschichte und zeigt mir verschiedene Arten von Macheten, die die verschiedenen Volksstämme benutzten oder noch immer benutzen. Bolos der Cebuanos laufen zum Ende hin breiter aus und sind stark abgerundet, so dass die Form leicht an eine Träne erinnert. Dadurch wird eine deutlich höhere Aufschlagskraft erreicht, da das Hauptgewicht am Ende der Klinge liegt. Dafür lässt sich auch nur dieser Teil gut nutzen und es ist noch immer das Problem mit der Verstauung einer solchen „Plattfischklinge“. Auch stellt er noch historische Schwerter her (natürlich nicht mehr nach alten Herstellungsverfahren) – wie zum Beispiel ein Kampilan.

Kampilan

im 14. Jahrhundert wurde das Kampilan mit großer Wahrscheinlichkeit entwickelt, und diente vor allem für Stämme aus Borneo als Waffe, welches dann später auch im Raum Mindanao, in dem wir uns ja befinden, von den Philippinos übernommen wurde. Der Entwicklungsschritt, den das Foto zeigt, ist noch nicht sehr weit. Darüber hinaus zeigt er mir noch verschiedene Formen von Klingen, die in Gebieten von Luzon bis runter nach Cagayan genutzt werden. Die Klingen aus Luzon gefallen mir am besten, da sie mir gut in der Hand liegen und in Verknüpfung mit dem starken Stahl des Ochsentöters stelle ich mir das entstehende Teil ganz nützlich vor. So lasse ich mir eine 12 Zoll Klinge anfertigen, da diese noch gut ins Handgepäckt passt und dazu eine passende Scheide – dort habe ich mich gegen Holz entschieden, da die hohe Luftfeuchtigkeit das dann zu Pflegeaufwendig machen würde. Sie wird aus PVC hergestellt und ein wenig im alten Stil gefertig. Für den Griff habe ich mich gegen Holz aus Pflegegründen und gegen das Horn eines Wasserbüffels entschieden, aus Kostengründen. Das wäre eine gutes Upgrade in der Zukunft, erst einmal möchte ich die Klinge ausgiebig testen und so wähle ich einen Griff aus Gummi eines Sohlenmaterials, welches gut in der Hand liegt und auch durch feuchte Handflächen noch guten Halt verspricht, da durch Druck das Gummi nachgeben kann und sich der Hand anpassen kann. 

Bolos aus dieser Gegend werden traditionell für Rechtshänder geschliffen, also einseitig, die Klinge aus Luzon wird traditionell so geschliffen, dass man sie mit beiden Händen nutzen kann, oder eben mit einem Schlag aus der Rückhand. Zum Schleifen verwendet Demitrios diese alte Schleifmaschine, dessen Schleifstein das einzige zu sein scheint, was aus dieser Zeit stammt. 

Weiter erklärt mit Dimitrios, wie er den Stahl von seinen Mitarbeitern bearbeiten lässt und worauf er alles achten muss, damit nichts kaputt geht. Solange der Stahl Glüht, kann er beliebig geformt werden, und eine Härtung erreicht man durch erhitzen, bearbeiten und abkühlen. So wird der Stahl in einem bestimmten Stahlgefüge eingefroren, oder besser gesagt in einem erzeugten Zustand der Stahlstruktur. Erhitzter Stahl kann zu schnell, zu lange oder mit falscher Technik abgeschreckt werden, so dass sich das Material nicht richtig „entwickeln“  kann. Durch das zu schnelle Abkühlen verliert der Prozess der Rückentwicklung des Stahls zu viel Energie, so dass der Stahl in einer Struktur erhärtet, in welcher er eine verzerrte und verspannte Struktur annimmt und dadurch sehr leicht brechen kann. Seine Mitarbeiter dürfen deshalb nicht in Wasser abschrecken, da dort bereits eine paar Sekunden zu lange Kühlung den Stahl kaputt machen könnte, zudem sorgen die entstehenden Luftblasen für ein nicht so gleichmäßig verteiltes Abkühlen – das darf dann nur der Chef machen. Alle anderen Mitarbeiter kühlen den erhitzen Stahl zum Festigen in Öl ab, welches etwas langsamer reagiert als Wasser. 

Ölbad

Donnerstag kann ich meine Bestellung abholen und ich dieses mal bringe ich Aaron mit. Er findet das  bestimmt spannend und ich kann mir die Dinge noch genauer anschauen – denn es fehlte zum Ende hin ein wenig an Zeit und auch die Sonne stand am Zenit, das ist hier dann auch Pausenzeit. Die Werkstatt war richtig Philippino-Style und vielleicht kann man hier auch mal selber was machen – ich werde einmal nachfragen.

 

Enno Goerlich

Anführer des kleinen Wolfsrudel, für jedes Abenteuer zu haben.

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