Gestrandet im Niemandsland – Teil 1 der Surigao Reise

Vor zwei Tagen lag ich abends gemütlich auf dem Sofa und las, als plötzlich die Türen aufgingen und alle aus dem Haus stürmten. Erdbeben. Das alte Sofa fing die Vibrationen so gut ab, dass ich es nicht bemerkte. Es war nicht besonders stark, da das Epizentrum 400 km nördlich von uns lag,  in Surigao. Dort verläuft übrigens die Mindanao-Spalte ca. 250km von der Küste entfernt, aufgerissen auf 8000 m Tiefe durch die Tektonik der pazifische Platte.  Mit einer Stärke von 6.7 bebte es in Surigao und beschädigte über 1000 Häuser und zerstörte annähernd 200. Wie viel Kraft von dem Erdbeben bei uns in Davao angekommen ist, hab ich nicht herausgefunden, wir schätzten auf eine gefühlte Stärke von ca. 2. Bei Erdbeben verhält es sich in etwa so, das bei Erhöhung um eine Zahl die Kraft um das zehnfache zunimmt. Kategorie 7 entwickelt also zehnmal mehr Kraft als ein Erdbeben der Stärke 6, aber die empfundene Stärke ist nicht das Zehnfache. Die Straßen und Böden einiger Wohnhäuser wurden zerrissen, in einen Krankenhaus stürzte das Dach, welches aus Betonplatten besteht, bis auf das erste Stockwerk und tötete einen alten Mann. Viele Häuser und öffentliche Gebäude wie Schulen und Einkaufszentren wurden zerstört, oder beschädigt- da die Bauweise teils veraltet oder kaputt gespart. Querträger werden aus Kostengründen aus Beton mit wenig oder zu dünnen Stahlelementen gegossen, anstatt die etwas teureren Stahlträger zu setzen, die solche Bewegungen besser abfangen. An anderen Stellen werden die Pfeiler nicht tief genug im lehmigen Boden gesetzt, und verstärkt durch die Eigenschaft des Lehmbodens das Wanken.  Die einfachen Holzhäuser haben beispielsweise mit Erdbeben oft keine Probleme, fliegen dafür gerne mal durch den Druck bei Taifunen auseinander.

Adelas Mutter wohnt in Surigao nur 5 km vom Epizentrum entfernt. Ihr Haus hat laut Telefonanruf Risse im Boden und den Wänden. Nachts viel im Zimmer ihrer Tante der Schrank vor die Zimmertür und verriegelte den Ausgang, so das eine Flucht während des Erdbebens nicht möglich  war.

Route

Wir wollen also nach Surigao fahren, um uns die Schäden des Hauses anzusehen, sowie Hilfsgüter mit zu bringen, beispielsweise ein Solarladegerät. Nach solch einer Katastrophe kann es hier bis zu einem Monat dauern, bis der Strom wieder funktioniert. Oft wird er komplett , oder teilweise abgeschaltet, falls die Aregate nicht mit betroffen sind, da die Kabel frei liegen und Brände und Personenschäden  entstehen können. Manchmal geht aber auch nach ein paar Tagen wieder.

Wir entscheiden uns Sonntag früh zu fahren, um nicht bei Dunkelheit durch gefährliches Gelände zu fahren.
Das klappt nicht so ganz, aber immerhin kommen wir um 10 Uhr los, um bei gutem Durchkommen die knappen 400km vom Süden Mindanaos bis hoch zur nördlichsten Spitze, Surigao, in 8 Stunden zu schaffen. Der etwas in die Jahre gekommene Geländewagen mit Vierradantrieb ist beladen und so machen wir uns zu dritt auf den Weg, Sarah und die beiden kleinen Kinderchen bleiben im sicheren Nest.

Der erste Teil der Fahrt verlief unproblematisch. Trotz Mittagshitze und defekter Klimaanlage wühlen wir uns durch den Verkehr, um eine der flächenmäßigen größten Stadt der Welt zu verlassen. Die Fenster sind komplett geöffnet und so kommt mit der kühlen Luft auch jede vorhandene Art von Abgasen, Staub und sonstigen feinen Partikeln als beste Auslese durch unsere Lungen. Zwei Stunden später machen wir die erste Pause, als wir Davao verlassen haben. Dazu dürfen wir nach Anfrage eine Gemeinschaftshütte eines Dorfes benutzen. Die Aussicht des Dorfes ist ganz interessant und die Hühner sehen gesund und lecker aus.


Etwas später setzen wir die Fahrt fort. Die Hälfte ist fast geschafft, als plötzlich vor uns ein paar Männer auf die Straße fallen und sich überschlagen, begleitet von einem Krachen eines kleines Jeepnys, welches die Kontrolle verlor und gegen den Anfang einer Trennmauer fuhr. Schnell bildet sich eine Traube von Menschen, um zu helfen. Auch wir entscheiden auszusteigen, um für die Verletzten zu beten, und es dauerte auch nicht sehr lange, bis Polizei und Helfer (mit M16 bewaffnet) auftauchen und die betroffenen Personen zur Kontrolle aufs Revier oder ins Krankenhaus bringen. Die Straßen werden jetzt zunehmender rauer, da viel gebaut wird – überwiegend werden die Straßen breiter gemacht, um den Verkehr vor allem in den Serpetinen sicherer und schneller als Ziel zu bringen.

Nun befinden wir uns zur Durchfahrt in San Francisco. Wir scherzen ein wenig und warten schon auf eine Golden Gate Bridge, welche wir auch wenig später in Form einer nicht mehr so vertrauenswürdigen Brücke finden. Wir halten kurz an einer Mall, um Kaffee zu tanken. Drinnen wird ein Wettbewerb übertragen und es sind mit Sicherheit 120 Dezibel an Lautstärke, die aus der Anlage unsere Ohren zum Piepen bringen. Philippinos mögen es sehr laut, auch wenn es bereits übersteuert. Es gibt nicht einmal Kaffee und so machen wir uns auf den Weg nach Presperidad, dem letzten Ort vor der kritischen Zone. Mit kritischer Zone ist ein Bereich gemeint, welches sich von hier bis nach Buyugan zieht. Bergiges Terrain mit engen Kurven, so gut wie keine Häuser, dichten Wald zu beiden Seiten und NPA (new people army) Rebellen. Gibt es hier eine Panne, kommt nicht mal der Mechaniker. Die Rebellen der bedrängen zwar die Einwohner nicht so stark, da sie eher gegen die Regierung und deren verlängerten Arm hier, der Armee, vorgehen, jedoch entführen sie sehr gerne, um sich ihren Nachschub zu finanzieren. Da sind gerade wir weißen ein Ziel von hoher Priorität. Wir passieren einen weiteren Unfall, Frontalzusammenstoß mit tödlichem Ausgang.

Mittlerweile sind es nur noch zwei Stunden bis zur Dunkelheit und wir drücken aufs Gas, die Zeit drängt. Nachdem wir die Stadt durchquerten, kommen wir an die Brücke, welche die „sichere“ Gegend und das von NPA kontrollierte Niemandsland trennt. Am Ende dieser Brücke befindet sich eine kleine Bodenwelle, die unser Wagen mit seinen 32″ Reifen spielend in hoher Geschwindigkeit überfliegt, aber etwas scheint am Motor nach dem Aufschlag nicht mehr zu funktionieren. Die Leistung ist rapide abgefallen. Ein Blick in den Seitenspiegel zeigt eine ordentliche weiße Dampfwolke , welche aus unserem Auspuff kommt und den Motorradfahrer hinter uns einhüllt. Mindestens ein Zylinder oder dessen Ventile scheinen nicht mehr richtig zu funktionieren. Diesel wird in dem insuffizienten Zylinder nicht mehr verbrannt, da kaum bis kein Druck aufgebaut wird, welcher zur Zündung des Diesels benötigt wird. Der unverbrannte Diesel kommt dabei als weißer Dampf aus dem Auspuff. Der Motor klingt nicht gut und stottert und rüttelt schon im Stehen wie ein arythmisches Herz. Wir drehen um, und hoffen einen Mechaniker zu finden. Wir biegen ins nächste Dorf ein, noch immer qualmend, und fragen nach einem Mechaniker. Dort erklärt man uns grob den Weg zur Werkstatt, welche in entgegen gesetzter Richtung liegt. Um dort hinzugelangen suchen wir eine Lücke in der Mauer, um zu wenden.

nicht so gut sichtbar, aber gute Dieselluft für den Hintermann

Wir biegen links ab und während wir auf die andere Seite fahren wollen, taucht aus dem toten Winkel und der Dampfwolke ein Motorrad mit drei Personen ungebremst auf. Die angebauten Lastenträger rammen unsere linke Seite und das Motorrad verliert seine Kontrolle und wird durch die Öffnung der Mauer in den Gegenverkehr abgelenkt, wo er jedoch wie durch ein Wunder mit keinem Fahrzeug kollidiert und zum Stehen kommt, ohne sich zu überschlagen. Die Warnblinkanlage und der Qualm hinderte den Fahrer unsere Absicht zum Abbiegen zu erkennen. Gott sei Dank ist nichts weiter passiert und die drei älteren Personen fahren mit einem Lächeln, aber noch sichtlich geschockt nach kurzem Gespräch weiter, ebenfalls froh, dass ihnen nicht passiert ist.


Die Werkstatt

Wir erreichen die Werkstatt kurz nach 16:00 Uhr, nachdem wir ein paar hundert Meter auf unebenen sandigen Straßen gefahren sind und der Mechaniker macht sich gleich ans Werk. Im ersten Verdacht steht der Dieselfilter, möglicherweise verstopft. Nach Ausbau des Turbos, welcher oben drauf liegt und weite Sicht behindert, sowie durch den Ausbau der Zylinderabdeckung erhalten wir einen Blick auf die Ventile, unter denen die vier Zylinder liegen. Von außen betrachtet werden erst einmal keine Schäden festgestellt. Die entfernten Schrauben und nicht benötigten Werkzeuge liegen auf einem Haufen auf dem Boden. Als nächstes wird der Dieselfilter ausgebaut, welcher einem  Zylinder in der Größe einer mittleren Thermoskanne ähnlich sieht. Um diesen mit Drehbewegung zu entfernen, nach dem die Aufhängung gelöst wurde, nutzen die Mechaniker ein selbst gebautes Werkzeug. Eine Motorradkette wird mit einem Ende durch ein ca 30 cm langes Stahlrohr geführt, zu einer Schlaufe am anderen Ende zusammen gelegt und das Ende der Kette wird mit den letzten Gliedern an das Stahlrohr von außen geschweißt. Zieht man nun am anderen Ende der Kette, kann man die entstehende Schlaufe um den Filter legen und die Schlaufe festziehen. So haben die Mechaniker einen guten Hebel zum Abdrehen. Richtig Philippinostyle, finde ich!

die Schraube muss doch dort irgendwo sein!

Dabei ist auch ein weiteres Problem aufgefallen. Der Zahnriemen für die Ausgleichswelle ist Gerissen. Die Ausgleichswellen kompensieren die freien Massekräfte, welche auf den Kurbelantrieb wirken, um so die Motorvibration zu dämpfen. Daher wirkt der Motor so unruhig. Die Freilegung der Wellen dauert bis zur Dunkelheit und als der gerissene Riemen geborgen wurde, konnten zwei der Mechanikerjungs diesen als Muster zum Markt bringen, zwecks Ersatz. Dieser sollte die selben Ausmaße haben,  da bei zu kurzem Zahnriemen zu viel Druck aufgebaut wird und die Komponenten zu schnell verschleißen. Sind die Riemen zu locker, werden die Steuerzeiten des Motors durcheinander gebracht, das kann ganz schnell den Motor schrotten, wenn beispielsweise die Ventile im falschen Moment schließen und der Zylinderkolben Kontakt bekommt. Zum Glück ist nicht der Hauptzahnriemen gerissen, ansonsten wäre uns der Motor schon auf dem Weg zur Werkstatt auseinander geflogen.

Da die Reparatur Zeit in Anspruch nimmt, schaue ich mich ein wenig in der Gegend um, bevor es dunkel wird. Die Werkstatt befindet sich direkt vor der Haustür einer Familie. Der Vater arbeitet seine Söhne in diese Kunst ein, eigentlich eher in Großfahrzeuge, da kleinere hier nicht so häufig vorbei kommen. Ein Zahnarzt für den Blinddarm also. Im Hinterhof, der als Parkplatz für Großfahrzeuge dient, liegt ein ausgenommener Lastwagen zur Reparatur und das Motoröl steht abgelassen in zwei provisorischen Kisten. Das über die Jahre abgelassene Öl kam auch in kleinen Mengen in das oberflächlich angesammelte Wasser, so dass ein kleiner „Öltümpel“ entstanden ist. Kochbananen warten wohl auf das Abendessen.

ölige Tümpel

Wenig später entdeckte ich dann auch die „Hauptwerkstatt“, welche doch recht windschief ist. Ich nehme an, dass es keine direkte Auswirkung des Bebens war, sondern nur das einsinken des Untergrundes, da die Pfosten auf keinen Betonflächen stehen. Aber es gibt dort interessantes zu entdecken, auch die zur Pause aufgehängten Hängematten. Gelegentlich ruht sich hier auch eins der freilaufenden Hühner aus.

das Zentrallager und der Pausenraum

Nach knapp zwei Stunden haben die Jungs einen originalen Ersatzzahnriemen besorgen können und setzten ihre Reparatur im Licht einer Taschenlampe fort, an einer extrem schwer zu erreichenden Stelle. Direkt hinter dem kühler ist ein kleiner Spalt, durch den ein dünner Arm noch hinabreichen kann. Um an die untersten Antriebswellen zu gelangen, muss der Mechaniker seinen Arm bis kurz unterhalb der Schulter versenken. Die Familie, die einer Glaubenssekte angehört, lädt uns in ihr Haus ein und wir bekommen die Möglichkeit auf einen Teller Reis. Dort erfahren wir auch, dass hinter der Brücke der gefährliche Weg beginnt und sie raten uns dringend ab, trotz möglich erfolgreicher Reparatur weiter zu fahren. Nachts sind einzeln fahrende Fahrzeuge leichter für die Wachposten zu erkennen und in einem Hinterhalt zu stoppen. Welch Bewahrung, dass der Riemen direkt an der Grenze gerissen ist und nicht unterwegs durch die Straße, welche durch den Dschungel führt, wo auch kein Bus anhalten möchte – Gott sei Dank dafür!

Wir bekommen noch die Möglichkeit für den herzkranken Opa des Hauses zu beten,  welcher starke Herzschmerzen hat und sichtlich erfreut rückt er beim abschließenden Fotoshooting kaum von meiner Seite. Gegen 23:30 Uhr ist die Reparatur abgeschlossen und Christian fährt zur Probe zum 15 Minuten entfernten Tourist Inn. Die fünf Mechanikerjungs springen mit rein, zum Teil nur in Boxershorts bekleidet. Unterwegs stellt sich aber heraus, das ein Zylinder beschädigt wurde durch die Fehlsteuerung des Motorantriebes. Nun hingen Christian und die Jungs am Hotel fest und Adela und ich im Haus. Mit dem Bus können die Jungs nicht fahren, da sie ohne Tshirt und Schuhe sind und wir kommen ohne Motorrad nicht weg. Wir entscheiden uns zum Busterminal in der Nähe zu laufen, als auf einmal der Strom in der Gegend ausfällt. Nun ist es draußen in der Vollmondnacht heller als im Haus und das Mondlicht wirft mit erstaunlicher Helligkeit seine Schatten zu uns rein. Wenig später kommt ein Motorrad mit den fünf lachenden Mechanikern an, irgendwo haben sie ein Motorrad aufgetrieben.

der Motor

Nun können sie uns zum Terminal bringen, an dessen Ankunft im richtigen Timing gerade ein Bus abgefahren ist. Wir stoppen ihn auf der Straße und steigen ein, um zum Hotel zu fahren. Drinnen ist es auf 18 Grad abgekühlt und der Fahrer, welcher sich zum Wärmen einen großen Lappen auf den Kopf gelegt hat, singt fleißig zu seiner Musik mit und ich muss schmuzeln, da er sitzend kleiner als die Kupplungssteuerung ist.

Die Nacht im Hotel wird kurz werden. Die Räume stinken nach frischer Farbe gemischt mit Pestiziden und Raumfrischespray. Morgen entscheiden wir, ob und wie wir weiter kommen, oder ob wir abbrechen. Mal sehen, was das Problem des Motors ist. 14 Stunden für 200 km ist ein guter Schnitt und bereits jetzt schon ein zukünftiger Klassiker für eine Reisegeschichte.

Its more fun on the philippines!

Enno Goerlich

Anführer des kleinen Wolfsrudel, für jedes Abenteuer zu haben.

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