Im Erdbebengebiet Surigao – Teil 2

Die Nacht in dem Hotelzimmer war soweit in Ordnung und ich nutze das frühe Aufwachen zu einem kleinen Spaziergang. Mula, so heißt das Hotel, liegt gegenüber einer Reisfarm, in der gerade ein Reisbauer mit seinem Wasserbüffel (Carabao in Cebuano) das Feld für die neue Einsaht vorbereitet. Um Reis anzubauen, sind einige Schritte notwendig, zu erst wird das Saatgut für 1-2 Tage im Beutel befeuchtet, bis der Reis anfängt zu keimen. Nachdem der Keimprozess angefangen hat, werden die Samen in ein Vorbeet gelegt, wo sie dann für zwei Wochen wachsen, bis die kleinen Reispflanzen etwa 20 Zentimeter hoch sind. Haben sie diese Höhe erreicht, werden sie einzeln im Abstand von 20 cm in das Reisfeld gesetzt. Dafür werden überall im Reisfeld kleine Haufen zusammengelegter Reispflanzen gelegt, bzw. von außenstehenden Helfern geworfen, von denen aus dann die Helfer, die den Reis setzen, Nachschub holen können, ohne das Feld zu verlassen. Dort wächst und reift der Reis dann für 3-4 Monate, bevor er geerntet und in der Sonne zum Trocknen ausgelegt wird. 

Carabao at work

Geplant ist nun das Auto zur Werkstatt zu bringen, den kaputten Zylinder ausbauen zu lassen und ihn auf dem Rückweg wieder abzuholen und zu Reparatur nach Davao zu bringen. Es sollte sich später heraus stellen, dass nur der Schwinghebel gebrochen ist und wir die Rückfahrt mit dem Auto fortsetzen können.

Wir fahren mit einem Bus weiter nach Surigao, der über eine Klimaanlage verfügt. Im Fernseher laufen seltsame Filme mir russischen Untertiteln, wohl einige der gängigen Raupkopien. Zwar ist die Anlage nicht laut genug, doch klirrt es ständig über einen, oder es sterben mit typischen B-Movie Sounds ständig Leute. Naja, ist ja nur für ein paar Stunden, bis sich das dann im nächsten Bus fortsetzt. Hoffentlich hat der Fahrer dann einen besseren Geschmack. Stellt sich heraus, dass der nächste Fahrer auf Kampfkunst-Spladder-Filme steht. Wir fahren an vielen Reisplantagen vorbei, welche Mindanao ernähren. Hektarweise Reisfelder, nur begrenzt durch die fernen Berge zeichnen einen großen Teil der Landschaft.

Blick aus dem Fenster des Busses

Irgendwann nach Sonnenuntergang kommen wir an und lassen unseren 50kg Reissack, sowie die Bananenkisten und Gepäck in ein motorisiertes Tricycle umladen. In der an ein Motorrad angeschweißten Kabine ist nicht mehr viel Platz und ich dränge mich auf den mittleren Vordersitz, die Sicht durch meinen Rucksack versperrt. Christian drängt sich neben mich und wir sind fast soweit loszufahren, als plötzlich hinter uns Geschrei ertönt – get out, get out!
Sehen konnte ich ja nicht viel, aber dann rammte auch schon ein Bus unser Hinterteil und drehte uns ruckartig um, so dass das Tricycle fast umgekippt wäre. Christian und ich springen schnell aus der entstandenen schmalen Lücke zwischen uns und der Seitenwand des Busses, nur kurz bevor er mit falsch eingelegtem Gang weiter in das Tricycle fährt. Lieber neben dem Bus, als unter dem Bus eingekeilt sein, denke ich mir. Gott sei Dank ist keinem von uns etwas passiert, denn Adela rettete sich rechtzeitig mit einem Sprung aus dem Hinterteil und stand noch eine Weile unter Schock. Wir entscheiden uns mit einem größeren Jeepney zum Haus der Familie zu fahren, während die Menschenmenge das Tricycle aufrichtete und aus der Verkeilung befreite. 

Nachts gibt es außerhalb des Stadtzentrums nicht viel Lichter, was ich zuerst auf die fehlende Stromversorgung schob – allerdings ist die Wohndichte hier nicht so hoch wie bei uns, zeigte das nächste Tageslicht. Fünfzehn Minuten später erreichten wir das Haus und grüßten die Familie, welche sich sehr über das Mitbringsel freute. Die erste Überprüfung des Hauses zeigt keine Schäden, welche die Stabilität des Hauses beeinträchtigt. Zwar ist der Boden an vielen Stellen aufgerissen und zeigt deutliche Stufen, aber keine tragende Säule ist beschädigt. In dem Raum, in welchem ich schlafen werde, ist der Boden soweit abgesackt und verschoben, das ich meine Hand zwischen eine entstandenen Spalte zwischen Außenwand und Fundament schieben kann. Bei einem Haus in der Nähe verlief 5 Meter vom Haus entfernt eine 30cm breite Kluft – soviel Bewegte sich hier der Boden. Auf der durchgelegenen Matratze mit dem ausgewaschenen Laken schlafe ich bald ein, bis die Nachbeben kamen. Insgesamt wache ich fünf mal auf durch die Nachbeben, eines davon scheuchte mit einer Stärke von 4 die Leute aus dem Haus. Sie fühlten sich jedes mal anders an, mal wie ein riesiger Vibrationsalarm, mal wie die Bewegung auf dem Schiff. Bis heute gibt es knapp 170 Nachbeben.

Nippaanbau

Morgens wache ich erst spät auf, da die Reise und die Nachbeben meinen Schlafrhythmus störten. Bevor ich zum Frühstück gehe, nutze ich die freie Zeit zum Lesen und höre dem Prasseln der Regentropfen auf den großen Bananenblättern zu, 2 Meter große Trommeln, die durch tausende Tropfen Einschlafmusik erzeugen – und ich schlafe wieder ein. Da wir schon mal in Surigao sind, schauen wir uns trotz des regnerischen Wetters einmal in der Nähe um.Bevor wir in die Stadt fahren, um uns die Zerstörungen anzuschauen, erkunde ich bei einem kleinen Spaziergang nach dem Frühstück den dicht bewachsenen Nippawald. Diese mehrere Meter hohen Pflanzen werden getrocknet und verflochten und stellen die natürliche Art zur Abdichtung eines Hausdaches da. Diese Schilfpflanzen wachsen gerne im sumpfigen Gebiet und auch hier gibt es am Ende des kleinen Dschungels ein Sumpf, in dem man Krebse fangen kann, so man sie gerne isst! 

 Nächste Station ist ein bekannter Strand in der Nähe, der einzige auf den Philippinen mit solch großen Kieselsteinen. Der Wind ist hier sehr angenehm, trotz des schwülen Wetters. 

 

Mabua Pebble Beach

Die großen Steine hier sind aufgrund der besonderen starken Wasserbewegungen zurück zu führen, welche die großen Kieselsteine an das Ufer werfer, bevor diese in kleinere Steine zerrieben werden. Klettert man über einen der vielen Hügel seitlich des Strandes und erreicht andere Buchten, findet man dort kleinkörnige Kiesel vor. Fischer haben sich überall an der reichhaltigen Küste niedergelassen und so bekommen wir hier einen der besten Fische zu einem guten Preis – fangfrisch! Dieser wird sogar mehr gehandelt als der Thunfisch und hat weniger Quecksilber eingelagert. Aus diesem Fisch werden wir heute Abend mehrere Gerichte kochen. Eine besondere Art den Fisch zu kochen, den es nur hier oben in Surigao gibt, so wie ein klassisch angebratebes Flankenstück und eine köstliche Fischsuppe aus den nicht so gut zu verwendbaren Stücken.Dazu gab es noch leckeres Squid Adobo, also kleiner Tintenfisch angebraten mit Zwiebeln, Knoblauch, Ingwer, Kokosessig und einer Sojasouce. Grob gesagt kocht man Tintenfisch ohne Salz, da dieser sonst schrumpft, und Fisch mit Salz, solange er nicht aus dem Meer stammt. Das Epizentrum des Erdbebens befindet sich nicht weit von hier – wir wandern ein wenig in dessen Richtung, bis wir es von einem Hügel aus sehen können.

 

Man muss hier aufpassen welchen Fisch man kauft, da Surigao auch über einen sehr großen Süßwassersee verfügt. Dort werden vor allem Welse gefangen und getrocknet und geräuchert. Auf dem Markt muss man also aufpassen, ob man Fisch aus Süßwasser kauft, oder aus dem Brackwasser (einer Mischung aus Süß~Salzwasser) oder ob direkt aus dem Meer. Ich bevorzuge die Fische direkt aus dem Meer, das heißt hier am Strand macht man immer einen guten Fang.

Nur wenig später wird ein Hilfsconvoi des philippinischen Militärs in der Nähe unseres Strandes von NPA Rebellen beschossen werden, aber dann sitzen wir schon in unserem Tricycle und fahren Richtung Stadt. Gottes Timing würde ich sagen. Einige Straßen, die wir passierten, wurden durch die Erschütterungen auseinander gerissen. Brücken hielten zum Glück in den meisten Fällen stand, bis auf die Brücken, die Richtung der Inseln zeigten. 

Laut GPS Messungen wurde ein Teil der Insel 14 cm von dem anderen Teil getrennt. Das ist in etwa auch die Größe dieses Spaltes

Die Innenstadt selber hatten wir uns in einem deutlich schlimmeren Zustand vorgestellt. Viele Häuser haben das Erdbeben gut überstanden. An einigen sieht man deutlich die Auswirkungen des stärksten Erdbebens seit langem. Viele Flächen wurden bereits grob verputzt. Dabei werfen die Bauleute den Putz mit geübter Bewegung an die Wand, bestimmt 5 mal schneller als ich!

Zum Glück war das Erdbeben am Abend wo nicht mehr so viel in den öffentlichen Gebäuden lös war. Viele Schulen waren leer, so dass es dort keine Opfer gab. An diesem Gebäude ist ein Teil des Daches eingestürzt, da der Stahl nicht weit genug einzementiert wurde – so unsere Beobachtung aufgrund der rausragenden Stahles an Dach.

Auf der Straße trafen wir den Besitzer dieses Gebäudes, der dachte wir sein von einer ausländischen Presse. Er erzählte uns, dass das Gebäude fast immer Schaden nimmt, da es aus zwei Teilen besteht, die untereinander in unterschiedlichen Schwingungen geraten. Die Risse scheinen dann verschlossen zu werden und auf das nächste Erdbeben zu warten.

Das Leben hat sich kurz nach der Katastrophe wieder schnell normalisiert, eine Eigenschaft, welche ich schon oft bei den Philippinos beobachtet habe. Dabei scheint es keine Rolle zu spielen, ob ein Supertaifun ein riesiges Gebiet zerstörte und kein Haus stehen blieb, es eine Überflutung, Feuer oder Erdbeben gibt. Recht schnell ist die philippinische Freude wieder in den Vordergrund gerückt, man hört ganz selten Meckerein oder Beschwerden von Philippinos.

Die Jungs hatten sichtlich Freude fotografiert zu werden. Sie winkten noch lange, bis sie hinter einem Schild verschwunden sind. Surigao wird von uns sicherlich noch einmal in ein paar Wochen oder Monaten angesteuert, wenn wieder alles zur Ruhe gekommen ist und das Wetter, dann sonniger und weniger Wellengang, ein paar Inselbesuche ermöglicht. Die Einladung dazu haben wir schon bekommen und nun müssen wir nur noch den richtigen Termin dafür finden.

Die Rückfahrt bei Dunkelheit im Starkregen war auch wieder ein Erlebnis, aber genug geschrieben für heute. 

 

  • Carabao at work

 

Enno Goerlich

Anführer des kleinen Wolfsrudel, für jedes Abenteuer zu haben.

One Comment on “Im Erdbebengebiet Surigao – Teil 2

  1. Lieber Enno, danke für die eindrücklichen Berichre, die mich an eurem Erleben teilhaben lassen. Kann mir gleich die Reise in die Philippinen sparen. Seid reich gesegnet! Werner

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